Samstag, 16. September 2017

Ketzerisches aus der Hauptstadt (IGA Berlin)

Heute ist mir etwas ketzerisch zumute. Das mag daran liegen, dass ich auf der IGA Berlin war, es fast die ganze Zeit geregnet hat und ich deswegen etwas nörgelig war. Aus der Traum von traumhaften Gegenlichtaufnahmen und bunten Schmetterlingen auf Blüten (hier wenigstens eine Feldwespe auf Kerzen-Knöterich).



Meine Kamera musste ihren Dienst trotzdem verrichten, obwohl sie dabei ein bisschen nass wurde. Bevor ich aber zu den Schaugärten komme, erst mal der ketzerische Teil: Die den Weg säumenden Staudenbeete habe ich wegen der schlechten Lichtverhältnisse und der mehr feuchten als fröhlichen Atmosphäre nicht ausgiebig fotografiert. Dafür sind wir noch eine Extrarunde mit der Seilbahn gefahren, den schaurigen Windgeräuschen dabei zum Trotz. Aber dort war es trocken und die Aussicht toll.
 
Der Blick von oben schweifte auch über die Staudenbänder entlang der Wege. Und was soll ich sagen? Der Ansatz, die Pflanzen in sogenannten Drifts zu pflanzen, also alle der gleichen Art dicht an dicht gesetzt, die Reihen fest geschlossen, sieht von oben ziemlich unnatürlich aus - wie eine Malerpalette, also vor dem Malen. Auf Augenhöhe nimmt man das nicht so wahr, aber aus der Vogelperspektive denkt man sofort, dass Vögel solche militärischen Staudenaufmärsche in der Natur wohl sehr selten sehen. Wenn nicht gerade Bänder mit völlig anderem Boden ein Gelände durchziehen, werden sich Pflanzen eher gleichverteilen. Das Reh, um das die Gartenschau herumgebaut wurde und das nun dort wohnt, wird aber sehr dankbar sein, wenn es seine Lieblingsstauden einfach abgrasen kann, ohne nach links und rechts zu schauen.



Der Hang hier gefiel mir da schon besser, der sieht aus wie vom Winde gesät:


Aber ich bin schließlich auch kein Gartengestalter, nur ein Gartenfreund, der zufällig in einer Seilbahn saß, was in Fachkreisen durchaus unüblich ist.

Die Schaugärten waren aber ganz unketzerisch wirklich beeindruckend. Endlich habe ich die berühmten Anlagen gesehen, die ich bisher nur aus Zeitschriften kannte. Sie sahen genauso aus wie dort abgebildet, nur mit weniger Sonne.

Hier ein ungezähmt wirkender Sukkulenten-Dachgarten mit (hoffentlich) winterharten Stachelträgern (wer den Garten bei Sonne sehen möchte, der schaue bei Sibylle Pietrek). In den geräumigen Kübeln unterm Sonnendach befinden sich Yucca rostrata, Echinocactus coccineus, winterharte Opuntien (O. engelmannii, O. polyacantha, O. pottsii), Yucca rigida, Y. faxioniana (unten links mit den aufstrebenden Blättern) und Y. thompsoniana (das ist das strubbelige, mehrtriebige Fellmonster mit der wilden Frisur - im folgenden Bild links mit Walzen-Wolfsmilch und Cylindropuntia imbricata). Auch Zypressen-Wolfsmilch, Fette Henne, Wermut, Federgras und Allium sphaerocephalon machen mit.




Für dieses Bild habe ich lange im Regen ausgeharrt, bis ich den Dachgarten menschenleer hatte (die Mittagszeit und der wieder stärker werdende Regen haben geholfen):



Reihenhausgarten mit großen Kübeln und Kornelkirschenspalier - die Möbel werden einfach aufgehängt, wenn man sie nicht braucht:





Mobiler Palettengarten mit Stauden auf Rädern - wenn die Pflanzen mal schnell woanders hingerollt werden müssen:


Aquaponic-Garten, perfekt für den Sichtschutz im Reihenhausgarten. Die Pflanzen in der Wand werden mit dem Wasser gedüngt, in dem Fische leben - sieht das nicht herrlich herbstlich aus?



Ebenen-Garten in Rot und Grau:




Präriegarten mit Feuerstelle, die aber den Pflanzen zuliebe besser unangezündet bleibt - im Frühjahr war sie bestimmt besser zu sehen, bevor Frau Verbena bonariensis sich so in den Vordergrund schieben musste:



Strandgarten, aber mit Kies statt Sand - und eher stranduntypischen Hortensien, damit die Gießkanne und der Gartenbesitzer vor lauter Relaxen nicht arbeitslos werden:




Der goldene Garten von Tom Stuart-Smith, mit Feuerschale, Rudbeckia fulgida, Galium verum, Gold-Baldrian und Rudbeckia maxima:






Bienengarten mit Wabenstruktur nicht nur im Bienenstock - hat mich ein bisschen an die 70er Jahre erinnert (Dalli-Klick!):





Ein Besuch der IGA lohnt auf jeden Fall, nicht nur zum Seilbahnfahren. Bis 15. Oktober ist noch Zeit, ihr habt vielleicht auch besseres Wetter!

Samstag, 9. September 2017

Der Name der Blume: Neues von der Gartenmesse

Stellt euch vor, euch hätte man bei der Geburt den Namen Kronprinzessin Sophia gegeben und sich etwas dabei gedacht - und bei nächstbester Gelegenheit, sagen wir mal bei der Einschulung, würde man euch einfach mal Elfriede nennen. Oder Elke. Und der neue Name haftet wie Kaugummi auf Altstadtpflaster. Am Ende weiß niemand mehr, dass ihr mal Sophia getauft wurdet. 

Passiert doch im Leben nicht? Pflanzensorten passiert sowas andauernd. Der Züchter hat was ganz, ganz Tolles geschaffen mit den schönsten Blüten, die die Welt je gesehen hat, und nennt seine Sorte so, dass sie überall im Handel als seine Kreation bekannt werden müsste. Zum Beispiel 'Sternenhimmel'. Und dann steht sie im Baumarkt, der sich um Namen nicht schert, als "Petunie, blau", das Stück 1,99. Da kann man sich die ganze Mühe doch gleich sparen, oder?

Die neue Nelke 'Pink Kisses' wurde aufgrund dieses Namensschwindels zur Sicherheit ganz gezielt und mit Steckern, also einer Visitenkarte für Pflanzen - inklusive Knutschfleck - vermarktet. Neue Sorten sollen eine Geschichte erzählen, die dem Handel die Präsentation leichter macht.


Das und noch viel mehr Interessantes, habe ich bei einer Führung auf der spoga+gafa-Messe in Köln erfahren, zusammen mit Anja von Gartenbuddelei und dem Laubenhausmädchen.

Bei dieser gigantischen Veranstaltung gab es nicht nur die neuesten Trends zu sehen in Sachen Indoor-Gardening, Wohnzimmer im Grünen und Urbanem Gärtnern, sondern auch richtig praktische Tipps, zum Beispiel wie vermehre ich eine verblühte Schmetterlingsorchidee? Mit ganz viel Vernachlässigung, auch wenn's weh tut. Dann nämlich sollen Kindel an der Pflanze entstehen.

Überhaupt ist es ein neuer Trend, Ableger zu ziehen, und zwar so, dass das günstige Gärtnern nicht spießig, sondern ganz kreativ und hübsch daherkommt. Etwa in großen Glasbehältern:




Unter den Neuheiten, die mir am besten gefallen haben, waren die Konzepte von Emsa zum Gärtnern auf kleinem Raum:




Schön auch diese wetterfesten Bilder einer holländischen Firma, die es noch nicht zu kaufen gibt:

Überhaupt waren viele Aussteller aus Holland dabei, deren Waren es hier noch nicht in den Handel geschafft haben. Ich konnte meine Klappe ja wieder nicht halten und habe einem netten Holländer geraten, seine Bienenhotels noch mal zu überdenken, da sie zu viele Splitter oder sinnlose Bohrlöcher sowie noch sinnlosere Tannenzapfen aufwiesen.

Auch ein Trend: Kakteen und andere Sukkulenten kommen neuerdings ganz groß raus. Nicht nur am lebenden Objekt, sondern auch als Potemkinsche Kaktusdörfer: Unbewaffnete Kulissen, die man auf's Fensterbrett stellen kann, um nach außen einen grünen Daumen zu suggerieren - finde die Fälschung:


An einem so schönen, sonnigen Septembertag ging es auch noch nach draußen, zum Tag des Gartens im Kölner Rheinpark. Hier konnte man Blumen, Ideen und Gartenelemente live und in Farbe und vor allem bei Tageslicht anschauen.

Diese Backsteinmauer hat mir besonders gut gefallen, weil sie Streiflichter aus Flaschenböden und ein Fenster aus Omas Tortenplatte eingepflanzt bekommen hat:


Und warum nicht Ohrwürmer in Erdbeeren aus Metall wohnen lassen, oder die roten Früchtchen gleich dort hineinpflanzen? Auch das schlanke Tomatenhaus hat es mir angetan - ein echtes Supermodell unter den Gewächshäusern (Erdbeeren und Gewächshaus von gartenfrosch):




Ein schöner Stand von Vivaflora, liebevoll dekoriert mit Antiquitäten (und einer nicht antiken Heidelibelle):






Am Ende dieses Messetages taten mir die Füße weh und ich bin bewaffnet mit Gartenzeitschriften und Produktproben vom supernetten Blumat-Stand nur noch dankbar in den Sitz vom ICE gefallen. Aber schön und spannend war's in jedem Fall!




Samstag, 2. September 2017

Nischenthema

Zur Landesgartenschau Bad Lippspringe gehört etwas, das gar nicht dazu gehört. Zumindest kann man es besuchen, ohne Eintritt zu bezahlen. Es ist ein echtes Nischenprodukt und man übersieht es schnell, wenn man es allzu eilig hat. Es ist ein kleiner Innenhof auf dem Weg zwischen den beiden Teilen der Gartenschau und zeigt, wie man in Hochbeeten und mit viel Phantasie mitten in der Stadt gärtnern kann.

Das alles ist so kreativ und detail-verliebt, dass man sich stundenlang in diesem winzigen Innenhöfchen aufhalten könnte. Es gibt so viel zu sehen! Eine Fundgrube für Stadtgärtner mit Recyclingambitionen.


Die meisten Pflanzen haben das Glück, in einer Villa Kunterbunt zu wohnen, einem großen Palettenhochbeet mit rotem Rand. Wenn oben mal nichts blüht, stimmen die Planken fröhlich.

Ohne Milch geht hier schon mal gar nichts, zumindest dienen leere Kartons als Auffangstation für die Milchbubies unter den Gemüsen:


Milchpackung im Zwiebellook - leicht, wasserdicht - und 0% Fett:

Während die Kapuzinerkresse die Hosen an hat, dürfen sich andere Blümchen in der Wasserstelle breitmachen.


Tagetes in Töpfen und Dosen, an der Wand baumeln behandschuhte Pflänzchen neben Erdbeeren im Palettenregal:


Andere haben es noch besser getroffen und wachsen im warmen Wollhandschuh, während Kartoffeln im Sack hausen und gelbe Tagetes auch mit den Wurzeln die Aussicht genießen:



Eine Schatztruhe für Bohnen und Kapuzinerkresse gibt es, außerdem bunt bemalte Plastikflaschen mit Ausguck für Zwiebeln.



Lässig lässt die bepflanzte Hose die Beine baumeln, die Flaschen in Klarsichtoptik sehen aus, als würden sie jeden Tag frisch gewienert.


Der Ampfer muss hier sicher keine Angst haben, dass ihm jemand im alten Kochtopf die Hölle heißmacht. An der Wand baumelt noch eine Handtasche und reißt die Klappe auf.




Alles in allem ein Innenhof, der es in sich hat.

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